Grüne Pflanzen vor einem deckenhohen und verzierten Fenster. Ein goldener Kronleuchter hängt von der Decke.

Blog

Überlebensgroße Schalenformen in gold, bronze und silber, die an Nussschalen erinnern sollten. Im Hintergrund eine braune Treppe.

Eventi Collaterali der Kunstbiennale Venedig: Orte so sehenswert wie die gezeigte Kunst

Bei den „Eventi Collaterali“ der Kunstbiennale Venedig öffnen sich private Paläste, die Besuchern ansonsten verschlossen bleiben. Das ist eine großartige Gelegenheit, hinter verschlossene Türen zu spicken und verborgene Ecken der Stadt kennenzulernen.

Wo für Fußgänger Sackgasse ist, schreitet unsere Gästeführerin Susanne beherzt voran. Die aus dem Münsterland stammende Kunsthistorikerin, seit Jahrzehnten in Venedig zu Hause, öffnet die antike Holztür des Palazzo Soranzo Van Axel. Plötzlich sind wir in einem herrlichen spätgotischen Innenhof, vom Gewusel Venedigs durch dicke Mauern getrennt.

Traumhaft surreale Figur im spätgotischen Innenhof

Als Blickfang mitten im Hof steht die Skulptur NOW der Künstlerin Shahzia Sikander: Es handelt sich um einen goldfarbenen Frauenkörper mit verzweigten tentakelartigen Armen, Widderhörnern und schlauchartigen Beinen, die einer Lotosblüte zu entschlüpfen scheint. Dem eigentlichen Haupteingang des Palastes wendet diese traumhaft-surreale Figur den Rücken zu. Durch den kommt heute aber niemand. Denn die massive doppelflügelige Tür führt direkt ins Wasser, zum Kanal. Die einstigen Hausherren, reiche niederländische Kaufleute, verließen ihr Domizil per Boot, so wie es sich einst geziemte. Gewöhnliche Biennale-Besucher gehen jedoch zu Fuß.
Die Ausstellung zählt zu den „Eventi Collaterali“ der Kunstbiennale: Staaten und Institutionen, die auf dem eigentlichen Ausstellungsgelände – Arsenale und Giardini – keinen Platz finden, mieten sich in der Stadt ein. Prachtvolle Paläste, versteckte Kirchenflügel, alte Speicher werden zu Galerien – und häufig so erst für die Allgemeinheit zugänglich. Die „Collaterali“ bieten eine großartige Chance, hinter die Türen Venedigs zu blicken.
Im Palazzo Van Axel führt eine historische Treppe hinauf in die ehemaligen Wohngemächer. Die farbenfrohen Kunstwerke Sikanders fallen sofort ins Auge. Erst danach nehmen wir den edlen Terrazzo-Boden und die gotischen Fenster wahr, dahinter die Rückseite der Kirche Santa Maria dei Miracoli. Diesen Palast haben im Jahr 2024 in einer Kooperation das Cleveland Museum of Art und the Cincinnati Art Museum genutzt, um Arbeiten der pakistanisch-amerikanischen Künstlerin Shahzia Sikander zu präsentieren.

Im Hof mit umgeben von grünen Pflanzen und Hausmauern steht eine goldene Skulptur.
Der Palazzo Van Axel steht direkt am Wasser, daneben kleine bunte Boote auf dem Wasser und einen Busch an der Seite.
Nächste Station: Renaissance-Palast

Dann geht‘s weiter: Susanne kennt mehr „Collaterali“, bei denen die Orte so sehenswert sind wie die dort gezeigte Kunst. Die nächste Station ist keine 500 Meter entfernt: der Palazzo Zorzi, ein herausragendes Beispiel der venezianischen Renaissancearchitektur. Der Palast gehörte ursprünglich der einflussreichen Patrizierfamilie Zorzi und beherbergt heute das UNESCO-Büro in Venedig. Bei der vergangenen Kunstbiennale war hier der Pavillon von Bosnien-Herzegowina untergebracht – mit dem Beitrag „The Measure of the Sea“ des Bildhauers Stjepan Skoko. Der Künstler untersuchte dabei das Meer als Symbol und Messinstrument menschlicher Erfahrung.
Im Innenhof mit den klassischen Rundbögen platzierte Skoko dazu Blöcke aus blauem Aluminium, die an nautische Karten erinnern, sowie muschelförmige Eisenelemente, die in der Schmiedetradition von Kreševo in Bosnien-Herzegowina gefertigt wurden. Sie erinnern an Felsküsten mit ihren Muschelbänken und symbolisieren somit das Land.

Schwarze Muscheln hängen von der Decke und größere liegen auf dem Boden.
Eine Frau geht an schwarzen Muscheln vorbei. Im Hintergrund blaue Kisten unter freiem Himmel.
Alter Getreidespeicher als Kunst-Ort

Ein für Venedig unerwarteter Raum öffnete sich den Biennale-Besuchern im Museo Storico Navale, das sich im ehemaligen Getreidespeicher der Stadt befindet. In einem ansonsten Besuchern nicht zugänglichen, ziemlich nüchternen Nebenraum des mächtigen Speichergebäudes präsentierte die Republik Kosovo die Arbeit „The Echoing Silences of Metal and Skin“ der Künstlerin Doruntina Kastrati: metallisch schimmernde überlebensgroße Schalenformen, die an Nussschalen erinnern sollten.

Dschungel im neogotischen Palast

Ein besonderer Höhepunkt der „Collaterali“ war die Ausstellung „Greenhouse“ im portugiesischen Pavillon, der im Palazzo Franchetti direkt am Canal Grande untergebracht war. Im Zentrum stand die Schaffung eines „kreolischen Gartens“ – ein Raum, der Natur, Ökologie, Politik und Geschichte miteinander verweben sollte. Und das mit dem Garten haben die Künstlerinnen und Kuratorinnen Mónica de Miranda, Sónia Vaz Borges, Vânia Gala ganz wörtlich genommen. Sie verwandelten das im 19. Jahrhundert im Stil der Neogotik erbaute Gebäude in einen Dschungel. Die komplette obere Etage wurde dicht mit Zimmerpflanzen bestückt, so dass sich der Besucher wie in einem Gewächshaus vorkam – allerdings in einem recht ungewöhnlichen Gewächshaus: Denn die prachtvolle, in dunklen Hölzern gehaltene Innenverkleidung der historischen Gemäuer wurde durch das viele Grün nicht überdeckt, sondern akzentuiert. Auch diese Ausstellung war eine großartige Gelegenheit, die Innenräume eines venezianischen Palastes kennen zu lernen.
Welche Türen sich bei der nächsten Kunstbiennale in Venedig für die „Eventi Collaterali“ öffnen werden – und in welche ansonsten verschlossenen Räume und Paläste man somit von innen kennen lernen kann, ist noch ungewiss. Es steht aber außer Zweifel, dass dieser Teil der Biennale einmal mehr eine Entdeckungsreise ermöglichen wird, bei der man die Lagunenstadt auf neuartige Weise kennen lernen kann.

Bilder:

Bilder im Textteil, sofern nicht anders angegeben: © Harald Kother | IBK Kulturtours

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipisicing elit sed.

Follow us on