Mit der Inlandsbahn in die faszinierende Wildnis des schwedischen Nordens
Irgendwo auf freier Strecke hält der Zug scheinbar grundlos und aus einem im Wald versteckten, roten Holzhäuschen schlendert eine Frau mit einem großen Korb Kartoffeln heran. Die Zugbegleiterin – Marie – umarmt sie, unterhält sich angeregt mit ihr und erklärt uns gleich danach:
Das ist nur meine Mutter. Oft, wenn ich Dienst habe und vorbeikomme, bringt sie mir einige der besten Kartoffeln Schwedens mit!
In Deutschland wäre diese Szene wohl undenkbar, aber wir sind hier in der Wildnis Nordschwedens! Unsere Zugbegleiterin ist noch für viel mehr zuständig: Sie versorgt uns lebhaft, gut gelaunt und mehrsprachig mit wissenswerten Details, mit Kaffee und Snacks und schmettert auch schon mal mit einigen stimmgewaltigen Mitreisenden die lokalen Hymnen. Die stetige Hintergrundmelodie der Fahrt ist nur das meditativ-monotone Rattern und Klackern des Zugs, das gelegentlich unterbrochen wird durch lautes Hupen, mit dem der Lokführer die Rentiere verscheucht, die wenig scheu an oder direkt auf der Bahntrasse stehen.
Manchmal steigt der Lokführer heute noch persönlich aus, um Weichen oder Signale an der Strecke umzustellen oder Pakete einzusammeln oder auszuliefern. Ich komme mit ihm ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er eigentlich im Süden Schwedens Frachtzüge fahren würde und seinen Sommerurlaub nutzt, um für einige Tage den abgelegenen Norden Schwedens zu erleben. Für einige Kilometer darf ich ausnahmsweise neben ihm im „Logenplatz“ sitzen und die einzigartige Landschaft aus einer ungewohnten Perspektive genießen.
Der Weg ist das Ziel. Wer mit der Inlandsbahn reist, sollte keine Geschwindigkeitsrekorde und Luxuszüge erwarten. Nachdem der Passagiertransport auf der Strecke der Inlandsbahn in den 80er Jahren gegen den Protest der Einheimischen offiziell eingestellt worden war, war der Bedarf so groß, dass die Betreiber sich dazu entschlossen, zwischen Mitte Juni und Mitte/Ende August einen regelmäßigen Liniendienst mit maximal zwei täglichen Verbindungen zwischen Mora, Östersund und Gällivare durchzuführen.
Östersund: Mehr als nur ein kurzer Übernachtungsstopp
Die Stadt Östersund, die Reisende am Abend des ersten Eisenbahntages erreichen, ist weit mehr als nur ein Übernachtungsstopp. Ca. 50.000 Einwohner hat die Hauptstadt der Provinz Jämtland. Die idyllisch am See Storsjön gelegene Stadt zieht nicht nur wegen ihrer Freizeitmöglichkeiten am und auf dem Wasser Besucher an, sondern birgt laut alten Sagen das Gegenstück zu Schottlands Nessie: „Storsjöodjuret“, das angeblich ein freundliches Monster sein soll.
Im nicht weit von der Stadt entfernten Elchpark „Moose Garden“ haben alle endlich die sichere Chance, Schwedens mächtige Wappentiere aus nächster Nähe zu betrachten und zu füttern.
„Jamtli” ist eine kleine Stadt in der Stadt: In dem Freilichtmuseum gibt es nicht nur Gebäude aus den unterschiedlichsten Epochen zu bestaunen. Schauspieler versetzen die Besucher im Sommer mit ihren Aktionen in längst vergangene Jahrhunderte und zeigen, wie Menschen in vergangenen Epochen lebten, feierten und arbeiteten.
Die Entdeckung der Langsamkeit
Ich verstehe die lange Fahrt mit der Inlandsbahn nicht als Möglichkeit, schnell von A nach B zu gelangen, sondern als Chance, die Landschaft am Schienenrand mit allen Sinnen zu genießen. Die Bahnfahrt in das Reich der Mitternachtssonne ist ein „Transportereignis“, das Reisenden Einblicke in die vielfältigen Landschaften bietet, die zwischen Mittelschweden und Lappland liegen. Allein für das 700 km lange Teilstück des zweiten Tages zwischen Östersund und Mora benötigt der Zug über 13 Stunden.
Landschaften, die vorbeiziehen
An mir ziehen riesige Wälder, unzählige in der Sonne glitzernde Seen, dunkle Moore und kleine verschlafene Orte vorbei, die auch heute noch besser mit dem Zug als auf einer Straße zu erreichen sind.
Immer wieder stoppt der Zug und unsere charmante Marie führt uns zu kleinen Cafés, Museen oder gelegentlich an eine (unbewohnte?) Bärenhöhle entlang der Strecke. In den Cafés und Museen wird sie freudig begrüßt wie eine alte Bekannte. Die meisten Museen werden in den wenigen Sommermonaten in Eigenarbeit von ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben. Besonders das Eisenbahnmuseum in Sorsele erzählt viel von den Zeiten, als hier noch der wilde Norden Schwedens war.
Grinsend fügt sie nach der Besichtigung an einem Stopp hinzu: „Bitte nicht zurückbleiben, der nächste Zug hält erst in 24 Stunden. Die nächste Straße ist 50 km entfernt und ringsum ist nur Wildnis .…“.
Die Freiheit und Vielfalt des Nordens
So vielfältig wie die Landschaften sind auch die Mitfahrenden: Wildniswanderer, die in der Mitte von Nirgendwo mit riesigen Rucksäcken an der Strecke auftauchen, berichten begeistert von ihren Erlebnissen auf dem berühmten „Kungsleden“-Wanderweg. Alte Leute zieht ihre Sehnsucht im Sommer zurück zu ihren in der Abgeschiedenheit gelegenen Sommerhäusern oder ehemaligen Wohnhäusern. Selbst „Büromenschen“ mit Aktenkoffern fahren ein paar Stationen mit.
Immer wieder komme ich mit den Mitreisenden ins Gespräch. Auch Fahrräder, Hunde und ein kleines Kanu werden sicher im kleinen Zug verstaut. Einmal landet mein Fahrrad allerdings, weil drinnen kein Platz mehr ist, auf einer kurzen Strecke sogar „als Elchfänger“, gut verzurrt, vorn am Zug. Von Ende Mai bis Mitte August wird es hier nicht dunkel und nördlich des Polarkreises steht die Sonne für Wochen rund um die Uhr am Himmel, so dass die Nacht zum Tag wird und Aktivitäten rund um die Uhr möglich sind.
Der entspannte Norden
Der Weg ist das Ziel und die Reise selbst das Erlebnis: Wer möchte, kann nicht nur zwei Tage mit der Eisenbahn unterwegs sein, sondern die Reise mit Wander-, Sightseeing- und Outdooraktivitäten beliebig ausdehnen. Von vielen Haltepunkten, die nördlich von Östersund liegen, ist es auch nicht weit bis zum „Kungsleden“ – Schwedens längstem Fernwanderweg, der von Abisko im ersten nördlichen Teilabschnitt über 440 km südwärts bis nach Hemavan verläuft.
Zeit, die langsamer tickt
Die Schaffnerin hat am Ende der Reise in der Eisenerzstadt Gällivare erst einmal drei Tage Pause – genug Zeit, um ihre Kartoffeln zu kochen … Aber Zeit haben die Menschen in schwedisch Lappland anscheinend mehr als anderswo, die Uhren ticken hier langsamer! Irgendwann werden Mittags- und Abendbrotzeit ausgerufen und Lokführer, Schaffner und Passagiere stapfen erst einmal seelenruhig zu einem entlang der Strecke gelegenen Restaurant, um dort eine Stunde Pause einzulegen! Das Essen suchen wir uns vorher im Zug aus. Das wäre doch eigentlich auch mal eine geeignete Maßnahme in Deutschland, wenn es mal wieder etwas länger dauert und eine Strecke gesperrt ist, oder?
Die meisten Reisenden erkunden von den vielen kleinen Orten aus nicht nur die Umgebung entlang der Strecke, sondern ziehen von Gällivare aus auf Teilen der Erzbahn nach Narvik in Norwegen hinüber, um die Lofoten und Vesterålen oder Norwegens Norden zu erkunden. Aber das ist eine andere Geschichte…
Wenn die Sonne vom strahlend blauen schwedischen Himmel lacht und wir dem Fahrplan nicht zu sehr hinterherfahren, lässt uns die Zugbegleiterin an einer Stelle sogar aussteigen und langsam vor dem Zug über eine Brücke laufen, damit wir uns die Beine vertreten und das spektakuläre Wildwasser eines Flusses in Lappland bewundern können! Alles ist etwas entspannter im hohen Norden und so eröffnen sich stets neue Horizonte für alle Freunde des langsamen Reisens, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, Eindrücke nicht nur zu konsumieren, sondern auch wirken zu lassen.
Bilder und Text:
© Reinhard Pantke


