Tausend Meter Vertikale, die sprachlos macht
Trekking zum Auyantepui und Abseilen am Salto Ángel – dem höchsten Wasserfall der Welt
Es gibt Reisen, die plant man. Und es gibt Reisen, die verändern einen. Das Trekking zum Auyantepui gehört zweifelsfrei zur zweiten Kategorie. Acht Tage durch unberührten Dschungel, hinauf auf einen der ältesten Tafelberge der Erde – und am Ende stehen Sie an einer knapp 1.000 Meter hohen Felswand, direkt neben dem Salto Ángel, und seilen sich in die Tiefe. Klingt nach einem Abenteuer für Extremsportler? Ist es auch. Aber lassen Sie mich erzählen, warum sich jede einzelne Etappe lohnt.
Häuser der Götter: Eine Reise in die Urzeit
Die Pemón-Indianer nennen die Tafelberge im Südosten Venezuelas „Häuser der Götter“. Wer einmal auf dem Plateau des Auyantepui gestanden hat, versteht sofort, warum. Mit seinen rund 700 Quadratkilometern Oberfläche ist er der größte Tepui im Nationalpark Canaima – einer 30.000 Quadratkilometer großen grünen Lunge, die zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt. Hier wachsen fleischfressende Pflanzen, hier leben Miniaturfrösche, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen. Die Felsformationen zählen zu den ältesten der Erde. Jeder Schritt fühlt sich an wie eine Zeitreise.
Der Weg beginnt: Von der Savanne in den Dschungel
Ausgangspunkt ist die indigene Gemeinde Uruyen, malerisch gelegen am Fuß des Tafelbergs, dessen dunkle, schroffe Wände schon von Weitem Respekt einflößen. Die ersten Etappen führen durch flaches Savannengelände, über Flüsse wie den Okoine und Guayaraca, dann stetig bergauf. Der erste Hang, das Camp Guayaraca, ist nach etwa fünf Stunden Wanderung erreicht. Wer mag, springt in einen der Bäche – eine willkommene Erfrischung im heißen, feuchten Klima.
Weiter geht es in den dichten Urwald, der den Auyantepui umsäumt. Meterhohes Buschwerk, Wurzellabyrinthe, steile Anstiege. Am zweiten Hang wartet der mächtige Felsblock El Peñón, der Schutz vor Wind und Regen bietet – ein Biwakplatz, wie er urtümlicher kaum sein könnte.
Der Griff nach dem Gipfel
Die Königsetappe: Über steinige Landschaft und wildes Wurzelgeflecht klettern wir bis an die steile Wand des Tafelbergs. Durch eine riesige Spalte, über gewaltige Felsen, erreichen wir schließlich die Kante des Hochplateaus auf 2.400 Metern. Der Blick auf diese schwarze Urlandschaft ist überwältigend. Mittagsrast am Felsen El Libertador, dann weiter zum Übernachtungsfelsen El Oso. Hier oben herrschen Temperaturen zwischen 6 und 15 Grad – eine Wohltat nach den schwülen Dschungeltagen.
Der folgende Ruhetag dient der Vorbereitung: Abseil- und Kletterübungen auf speziell präparierten Felsen, Überprüfung der Ausrüstung. Die Vorfreude steigt.
Dem Herzen des Tepui entgegen
Nun durchqueren wir das Innere des Tafelbergs. Vorbei am Fluss Churún, durch endemische Wälder mit Bonettien-Sträuchern, über Sumpfgebiete und Bachläufe. Jede Etappe bringt neue Perspektiven, neue Geräusche, neue Gerüche. Und immer wieder diese Stille – eine Stille, die man in der heutigen Welt kaum noch kennt.
Am zehnten Tag erreichen wir den Punkt, an dem der Salto Ángel entspringt. Der Fluss Kerepakupay, der zwei Kilometer flussabwärts zum höchsten Wasserfall der Welt wird, begleitet uns. Das Lager schlagen wir nur 20 Minuten vom Rand entfernt auf, an dem die Wassermassen in die Tiefe stürzen. Ein Ort, der demütig macht.
Der Abgrund ruft
Dann kommt er, der Moment, auf den alles hinausläuft. In der Morgendämmerung beginnen wir den Abstieg an den Seilen – die ersten 500 Meter im freien Fall. Der nackte Fels rauscht an uns vorbei, die Leere unter uns. Genau richtig, um Vertrauen zu fassen und die Schwerelosigkeit zu genießen. Übernachtung auf halber Höhe in der „Cueva Vivac“, einem breiten Felsvorsprung, der notdürftig vor Regen schützt.
Am zweiten Tag geht es weiter hinab, jetzt durch vertikalen Dschungel. Kurze Abseilfahrten zwischen Bäumen und Wurzeln, dann erreichen wir den Fuß der Wand. Wer noch Kraft hat, badet im Wasserfallbecken. Über den Mirador Laime wandern wir zur Isla Ratón, wo uns das Curiara-Boot abholt. Geschafft. Und doch ein bisschen traurig, dass es vorbei ist.
Für alle, die es etwas ruhiger mögen
Vielleicht geht es Ihnen beim Lesen ähnlich wie mir, als ich das erste Mal von dieser Tour hörte: Die Faszination ist sofort da, aber gleichzeitig meldet sich eine leise Stimme, die fragt, ob das wirklich das Richtige ist. Seien wir ehrlich: Nur die allerwenigsten bringen die körperliche Verfassung, die Erfahrung und den Mut für solch einen Trip mit. Ich beneide diejenigen, die sich das trauen oder die es bereits gemacht haben – ja, ich kenne tatsächlich eine liebe Kollegin, die das vor zehn Jahren gewagt hat.
Genau deshalb bieten wir auch andere Wege zum Salto Ángel oder auf ein Tepui an – Wege, die weniger fordern, aber mindestens genauso viel schenken. Denn die Magie dieser Orte erschließt sich nicht nur denen, die sich tausend Meter in die Tiefe seilen.
Hier nun ein paar Bocados Criollos (kreolische Häppchen) für jedermann und jederfrau. Reisebausteine von ein paar Tagen bis ein paar Wochen, die es etwas ruhiger angehen lassen und sich ganz im eigenen Tempo genießen lassen.
- Bocado Criollo „Cupuazu“: Vier Tage und drei Nächte in Canaima, mit Übernachtung in der Hängematte am Fuße des Salto Ángel. Bootsfahrt und kleine Wanderung zum Wasserfall (Mirador Laime), Bootstouren auf der Canaima-Lagune und vieles mehr. Auch dieser Baustein führt zum Salto Ángel – zwar „nur“ zu seinem Fuß, aber auch das ist schlicht überwältigend. Und das Beste: Die körperlichen Strapazen sind nicht viel anstrengender als ein ausgedehnter Sonntagsspaziergang. Der perfekte Einstieg in die Welt der Tepuis – und vielleicht der Beginn einer lebenslangen Faszination.
- Bocado Criollo „Roraima“: Die Tafelbergbesteigung für jedermann und jederfrau in normaler körperlicher Kondition. Ja, es ist anstrengend – aber mehr auch nicht. Bei uns sind schon siebenjährige Kinder mitgelaufen. Wer also schon immer einmal auf einem dieser mystischen Häuser der Götter stehen wollte, findet hier seinen Weg.
- Bocado „Moriche“ im Orinoco Eco-Camp: Vier Tage und drei Nächte im Orinocodelta – und damit in einer der faszinierendsten Wasserlandschaften Südamerikas. Sie schlafen in einem Pfahlbau, der zum Wasser hin offen ist, unternehmen Kanufahrten, besuchen eine Warao-Gemeinde und gehen auf geführte Dschungel-Touren. Bei den Tierbeobachtungen zeigen sich mit etwas Glück rosa Flussdelfine, Kaimane, Schlangen und unzählige Vogelarten. Ein Baustein für alle, die Natur hautnah erleben möchten – ohne große körperliche Anforderungen.
- Bocado Criollo „Mango“ in der Ecoposada Casa María: Wer es lieber ruhig und genussvoll mag, ist hier richtig. Eine Kolibristation direkt an der Posada, Spazierwege durch den Bergnebelwald und eine ökologische Kakaoplantage mit angeschlossener Schokoladenmanufaktur laden zum Verweilen und Staunen ein. Naturerlebnis und Genuss gehen hier eine wunderbare Verbindung ein – ideal als entspannter Kontrast oder als Ergänzung zu den größeren Abenteuern.
So vielfältig die Wege nach Canaima und auf die Tepuis auch sein mögen – am Ende führen sie alle zu demselben Gefühl: Ehrfurcht vor einer Natur, die älter ist als alles, was wir kennen. Und wer sich für das ganz große Abenteuer entscheidet, für den hält das Auyantepui-Trekking noch ein paar wichtige Hinweise bereit.
Praktisches für die große Tour
Das Auyantepui-Trekking ist körperlich fordernd – sehr gute Fitness und Klettererfahrung sind Voraussetzung. Die Gruppe übernachtet in Posadas, Zelten und Hängematten. Sämtliche Mahlzeiten ab dem Mittagessen des zweiten Tages sind enthalten, ebenso die Spezialausrüstung für die Abseilfahrten. Jeder Teilnehmer trägt seine persönliche Abseilausrüstung selbst – wer möchte, kann für 400 Euro einen Träger engagieren.
Wichtig: Ausreichend Bargeld in kleinen Scheinen mitnehmen, in der Region Canaima sind Kartenzahlungen meist nicht möglich. Der gesamte Müll muss wieder mit hinuntergenommen werden, alle Hygieneartikel müssen biologisch abbaubar sein. Und: Es ist verboten, Mineralien oder Kristalle vom Gipfel mitzunehmen – die Park-Ranger kontrollieren regelmäßig.
Auf ins Reich der Urzeit
Der Auyantepui ist kein Ziel für eine schnelle Instagram-Story. Es ist ein Ort, der Zeit braucht, der fordert und der beschenkt. Wer sich darauf einlässt, wird mit Eindrücken belohnt, die ein Leben lang bleiben. Die Stille auf dem Plateau. Der erste Blick über die Kante. Das Gefühl, nach zwei Tagen am Seil wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Venezuela ist vielleicht nicht das naheliegendste Reiseziel. Aber genau das macht es so besonders. Und der Auyantepui? Der ist vielleicht ein besonders kostbares Stück davon.
Text:
© criollo travel
Bilder:
© criollo travel


