Eine Wanderin von hinten auf einem Wanderweg, der am Abhang zum Meer leigt. Die Sonne scheint durch die grünen Bäume.

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Türkisfarbendes Meer in einer Bucht, welche von grünen Bäumen bestückt ist.

Von der kargen Steppe bis ans funkelnde Meer: Eine Reise durch die faszinierenden Naturlandschaften Apuliens

Es ist eine Landschaft wie aus der Zeit gefallen: Über leuchtend roten Bauxitfelsen, Wäldern mit Aleppokiefern und bizarren Karstformationen spannt sich der Himmel weit und blau über die Hochebene. Unter der strahlenden Mittagssonne leuchten silbrig schimmernde Disteln, buschiger Stechginster und duftender Thymian. Hier und da wachsen einzelne knorrige Steineichen und Olivenbäume. Wie kaum eine andere Landschaft steht die Alta Murgia für das, was Apulien ausmacht: für intensive Farben und eine eigenwillige Schönheit, die sich vielleicht manchmal erst auf den zweiten Blick zeigt.

Ein flachen Steinhaus umgeben von einpaar grünen Bäumen und trockenen Felden. Ein intensiver blauer Himmel mit schweren Wolken bis zum Horizont.

Lange Zeit lag Apulien, das Ferse, Absatz und Sporn des italienischen Stiefels bildet, in einem Dornröschenschlaf. Selbst im eigenen Land war es vielen unbekannt, erst um die Jahrtausendwende wurde es wiederentdeckt. Ein Umstand, den man wohl als Glücksfall bezeichnen kann, denn bis heute ist die Region, die neben Sizilien als vielleicht Spannendste Italiens gilt, ursprünglich und authentisch geblieben und entwickelt sich langsam und nachhaltig. Auch ihre Bevölkerung ist außergewöhnlich: Zunächst zurückhaltend und abwartend, später umso herzlicher und offener entspricht sie nicht unbedingt dem klassischen Bild eines südeuropäischen Volkes. Das könnte mit der Geschichte der Region zu tun haben, die lange Zeit von Einflussnahme und Fremdbeherrschung geprägt war.

Während sich das Interesse der meisten Gäste auf die berühmten UNESCO-Weltkulturerbestätten konzentriert, sind die vielfältigen Naturlandschaften Apuliens noch eher unbekannt. Zwischen dem hügeligen Gargano im Norden, der oft als „grüne Lunge Apuliens“ bezeichnet wird, und der flachen salentinischen Halbinsel im Süden mit ihren Olivenbäumen und einem fast schon orientalischen Flair folgen auf einer Länge von rund 480 km wilde Küsten auf grüne Schluchten und steppenähnliche Hochebenen. Ideal für Menschen, die sich für eine Mischung aus Natur und Kultur interessieren und sich Zeit nehmen möchten, die Region zu Fuß oder mit dem Rad zu entdecken.

Wald, Meer und Steppe

Eine, die diese landschaftliche Vielfalt Apuliens kennt und liebt, ist Ute Palmisano. Die gebürtige Stuttgarterin lebt seit fast 20 Jahren im Valle d’Itria und ist fast schon genauso lange als Reiseleiterin und zertifizierte Wanderführerin dort unterwegs. Sie hat mich eingeladen, gemeinsam drei besondere Regionen Apuliens zu erwandern. Wir starten in den grünen Hügeln des Nationalparks Gargano, in deren Mitte sich eine große Senke befindet: den als Reservat geschützten und den Titel UNESCO-Weltnaturerbe tragenden „foresta umbra“, berühmt für seine wertvollen Buchenhaine. Die spezielle Lage und das besondere Klima mit reichlich Niederschlägen, lassen hier, mitten im Süden Italiens und nur rund 300 m über dem Meer, Buchen wachsen. Wir wandern durch einen Märchenwald: Die Buchen, die hier größer werden als anderswo, bilden ein dichtes, grünes Blätterdach, in dessen Schatten dunkelgrüne Moose und Farne gedeihen. Eine Besonderheit ist der außergewöhnliche Reichtum an Orchideen. Rund 60 Arten blühen hier im Frühjahr, viele davon gibt es sogar nur hier. Eine halbe Stunde später treten wir aus dem Wald heraus und blinzeln ins helle Sonnenlicht. Vor uns, am Fuße schroffer Felsen, glitzert das klare Wasser des adriatischen Meers. Ein faszinierender Kontrast!

Der zweite Stopp unserer Naturerkundungsreise führt uns in die karge, steinige Hochebene Alta Murgia. Dort sind wir mit Giuseppe Carlucci verabredet. Der Mann mit dem knorrigen Wanderstock ist ein Kenner des Nationalparks – und zugleich ein hervorragender Fotograf. Zahlreiche Artikel stammen aus seiner Feder, seine Fotos zieren Bildbände. Während wir zu einer Bauxitmine wandern und unterwegs immer wieder stehen bleiben, um die Weite der Landschaft auf uns wirken zu lassen, erzählt uns Guiseppe, dass die Karst-Hochfläche auch ein Hotspot für Vogelbeobachtung ist. Und die ist Guiseppes große Leidenschaft. Manchmal, berichtet er mit leuchtenden Augen, könne man im Sommerhalbjahr sogar einen der inzwischen sehr seltenen Schmutzgeier mit seinem edlen weißen Gefieder am azurblauen Himmel entdecken. Dann und wann beugt sich Guiseppe zum Boden und macht uns auf Fährten, Käfer oder Spinnen aufmerksam. Auch aus anthropologischer Sicht sei die Alta Murgia spannend, erzählt er uns. Man wisse mittlerweile, dass Apulien in der Altsteinzeit von Neandertalern durchstreift wurde und es Gebiete gibt, in denen Neandertaler und Homo sapiens aufeinandertrafen.

Abstecher zu Trulli und Sassi

Der Weg durch das Hinterland Apuliens zum dritten und letzten großen Ziel unserer Reise, das Meeresschutzgebiet Torre Guaceto, führt uns nicht nur durch die Stadt Altamura, die für ihr luftiges Brot mit knuspriger Kruste weltberühmt geworden ist, sondern auch durch das Tal der Trulli. Die weiß getünchten Rundhäuser mit ihren Zipfelmützendächern waren früher die Behausung der armen Landbevölkerung. Mensch und Tier teilten sich die Wohnkammern, im Gewölbe wurde das Getreide gelagert. Je mehr Kuppeln das Haus hatte, desto wohlhabender war sein Besitzer. Viele Trulli fielen leer, als es die Landbevölkerung in die Städte zog. Erst in den 30er-Jahren entdeckte man sie als kulturelle und architektonische Besonderheit. Sie zeugen vom Erfindungsreichtum der Menschen in einer Gegend, in der es neben Olivenbäumen eigentlich nur Steine gibt.

Bis heute sind viele Trulli bewohnt und eine Wanderung durch das Hochtal, in dem sie überall verteilt sind, darf eigentlich auf keiner Apulien-Reise fehlen. Genau wie ein Abstecher ins benachbarte Basilikata, wo mit Matera eine Stadt liegt, die genau wie die Trulli in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance erlebte. Ute weiß, wie man sich den Sassi – einst als „Schandfleck der Nation“ bezeichnet, heute Weltkulturerbe – am besten nähert. Von der anderen Seite der grünen Schlucht wandern wir über eine Hängebrücke direkt auf die Höhlenwohnungen zu, in denen früher mehr als 17.000 Menschen unter primitivsten Bedingungen mit ihren Tieren lebten – mitten im Tuffstein. Während ich noch versuche, zu ergründen, wo hier eigentlich eine Behausung aufhört und der Berg beginnt, macht mich meine Begleitung auf ein Detail aufmerksam: In den Felsnischen leben heute Rötelfalken. Die kleinen Greifvögel sehen ihrer Zwillingsart, dem Turmfalken, zum Verwechseln ähnlich – in ihrer Lebensweise jedoch könnten sie kaum gegensätzlicher sein: Sie sind äußerst gesellig und brüten und nisten in Kolonien in Städten und auf Felsvorsprüngen. Gerade jagt eine große Gruppe über der Schlucht nach Insekten.

Esel, Oliven und Kaktusfeigen

Tierisch wird es auch ein paar Kilometer entfernt bei einer Pause auf dem Bio-Landgut der Palmisanos. „Es war der Kindheitstraum meines Mannes Mario, Esel zu halten, und als wir vor 26 Jahren aus Deutschland nach Italien, zurück in sein Heimatland, auswanderten, schenkte er mir Luna, unsere erste Eselin. Damit ging alles los.“ Ute lacht und winkt mich durch das geöffnete Tor auf eine große Eselskoppel. Stolze acht Mitglieder zählt die Eselsfamilie heute, die zwischen Olivenbäumen, Kaktusfeigen und Trockenmauern auf dem Landgut der Palmisanos im ländlichen Apulien auf ihrer großen Weide mit ihren mehligen Mäulern nach spärlichen grünen Grashalmen suchen. „Esel wurden über Jahrhunderte ausgebeutet, werden bis heute unterschätzt und völlig falsch interpretiert. Uns haben sie mit ihrer Sanftmut und Gelassenheit inspiriert und so beschlossen wir, sie zum Mittelpunkt unseres Landgutes zu machen“, erzählt Ute mir. Wir setzen uns auf die großen Steine, die hier – wie überall in Apulien – herum liegen und beobachten. Erst scheinen uns die Esel zu ignorieren, aber nach und nach kommen sie näher. Während einer beginnt, vorsichtig an meinen Schuhen zu knabbern, legt ein anderer Ute vertrauensvoll den Kopf auf die Schulter. „Auf die Idee mit dem Eselsbaden sind wir gekommen, als wir zusammen mit einem befreundeten Tiertherapeuten mit der Onotherapie (der Therapie mit Eseln) begonnen haben“, erzählt mir Ute, als wir später zwischen Olivenbäumen und Kaktusfeigen schlendern. „Seitdem kommen viele unserer Gäste wegen der Esel zu uns. Die Wirkung der Esel ist jedes Mal wieder faszinierend: wie schnell wir in ihrer Gegenwart entspannen und alles um uns herum vergessen.“ Davon, dass das Eselbaden einfach gut tut, bin ich seit ein paar Minuten selbst überzeugt.

Nun führt mich Ute durch ihre Olivenhaine. Anfangs seien sie für ihre Praktiken belächelt worden, berichtet sie, denn als sie das Landgut kauften und nach und nach renovierten, hatten sie noch keine Ahnung vom Olivenanbau. Inzwischen gewinnen ihre Olivenöle Wettbewerbe und der Kundenstamm wächst und wächst. Neben dem hochwertigen Olivenöl kann man auf dem Landgut auch ein Erzeugnis verkosten, das etwas ungewöhnlicher ist: „Kaktusfeigen wachsen hier überall, aber lange Zeit hat man ihnen keinerlei Beachtung geschenkt. Dabei ist ihr Saft nicht nur lecker, sondern auch gesund.“ Wer bei Ute und Mario zu Gast ist, kann typisches italienisches Landleben kennenlernen, denn der Hof ist eine „Azienda agricola“ – ein ökologisch bewirtschafteter Landwirtschaftsbetrieb – und Tourismus spielt eine untergeordnete Rolle. Früher waren die beiden selbst viel auf Reisen, heute bringen ihre Gäste ein bisschen der großen weiten Welt zu ihnen, dürfen ihr Zelt zwischen duftenden Kräutern und Zitrusbäumen aufstellen, mit den Eseln kuscheln und Marios köstliches Essen genießen, zubereitet aus frischen Zutaten von den Märkten der Umgebung. Wenn man hier im Grünen sitzt und den zirpenden Grillen lauscht, kann man sich kaum vorstellen, dass nur ein paar Kilometer weiter das Meer rauscht.

Nachhaltiger Fischfang an der Küste

Die Slow-Food-Bewegung, die ihren Ursprung in Italien hat, schützt in erster Linie einzelne Produkte. Im WWF-Meeresschutzgebiet Torre Guaceto dagegen geht es erstmals um eine Praktik. Denn hier, wo man an goldenen Stränden, über Dünen und entlang von artenreichen Feuchtgebieten wandert, wagte man schon Anfang der 90er-Jahre ein Experiment: Fünf Jahre lang wurde in einem begrenzten Gebiet der Fischfang komplett gestoppt. Was zunächst für einen Aufschrei der Empörung sorgte, erbrachte den Beweis, dass sich ein marines Ökosystem innerhalb weniger Jahre komplett erholen kann.

In nur fünf Jahren vermehrte sich der Fischbestand um das Fünffache! Seitdem ist die Fischerei auf eine ausgewiesene Zone begrenzt und erfordert eine Sonderlizenz. Das Modell hat Aufsehen erregt und gilt mittlerweile als Musterbeispiel nachhaltigen Fischfangs. Ute kennt einige der Fischer persönlich und nimmt manchmal kleine Gruppen von Studienreiseveranstaltern mit hinaus aufs Wasser, um ihnen die Arbeit der Fischer zu zeigen. Auch ich habe heute das Glück, aus erster Hand davon zu erfahren, wie von der Fischerei nicht nur das Schutzgebiet profitiert, sondern auch die Menschen. Einer der Fischer zeigt uns seine Netze, die große Maschen haben und erzählt, dass er heute nur noch einmal pro Woche aufs Meer hinausfährt. Und trotzdem hat sich seine Ausbeute verdoppelt. Während das kleine Boot auf den Wellen tanzt und die Sonne allmählich über den Himmel wandert, frage ich Ute zum Abschluss, was sie am meisten an Apulien liebt. „Dass die Landschaft meiner Seele gut tut“, antwortet sie und lächelt. „Wenn ich nach einer meiner Touren zurück nach Hause fahre und die untergehende Sonne die Landschaften in ihren vielen Farben und Formen zum Leuchten bringt, dann geht mir einfach das Herz auf.“

Zusammen mit dem nachhaltigen Reiseveranstalter BUND-Reisen aus Nürnberg bietet Ute Palmisano im Spätherbst 2026 eine Wanderreise in Apulien an. Mehr Informationen erhalten Sie hier: 🔗 ReiseEinzelansicht | BUND Reisen

Text: © Heidi Witzmann
Bilder (5, 11): © Ute Palmisano
Bilder: © Catherina Unger

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