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HAUSER EXKURSIONEN: ARKTISCHE AUSZEIT

Am Fuß eines Gletschers campen, Eisberge zählen oder in glasklaren Bergseen baden: Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, an denen man so wunderbar runterkommen kann, wie in der menschenleeren Wildnis im Osten Grönlands.

Ein Knall so laut wie ein Kanonenschuss zerreißt die Stille am Johan-Petersen-Fjord im Südosten von Grönland. Erschrocken, aber neugierig, lassen meine Begleiter und ich unsere Blicke über das stahlblaue Wasser des Meeresarms schweifen, auf dessen spiegelglatter Oberfläche Eisberge vor sich hindümpeln. Wir suchen auch die felsigen Berghänge ab. Was hat den Knall verursacht? Ein Felssturz? Des Rätsels Lösung lässt auf sich warten. Plötzlich beginnt einer der Eisberge auf dem Fjord zu „tanzen“. Er schaukelt, rollt dann unvermittelt zur Seite und taucht kurzzeitig ab. Das eisige Wasser schäumt und brodelt. Dann ploppen kleine Eisberge wie Korken an die Oberfläche. Sie schillern in verschiedenen Schattierungen von Blau bis Türkis.

Expeditionsleiter Sebastian Franzen kennt die Ursache der Metamorphose: „Aufgrund von Temperaturschwankungen ist der Eisberg implodiert“. Auch für die verschiedenen Farbtöne hat er eine Erklärung: „Welche Farbe das Eis hat, hängt vom Druck ab“, so der Grönland-Experte. „Je stärker das Eis komprimiert ist, desto blauer scheint es.“ Weil ein implodierender Eisberg auch Tsunamis auslöst, weist er uns an, die Zelte auf einer kleinen Anhöhe zu errichten. Der Lagerplatz gewährt einen unvergleichlichen Blick auf den Eisschild, der 80 Prozent von Grönland bedeckt. Wie die Staumauer einer Talsperre erhebt sich am Ende des Fjords eine gewaltige bis zu 1000 Meter hohe Wand aus blankem Eis, die jetzt im Licht der tief stehenden Sonne golden leuchtet. „Von Norden bis Süden erstreckt sich das Inlandeis über 2600 Kilometer“, sagt Sebastian. Das ist in etwa so weit wie von Norddeutschland bis nach Nordafrika. „Sermersuaq“, Großer Gletscher, nennen die Inuit den Eisschild.

Das Inlandeis ist die Mutter aller Eisberge auf der nördlichen Halbkugel. Vor allem im kurzen grönländischen Sommer gebiert „Sermersuaq“ unablässig Kinder, einige so groß wie Kathedralen. Geburtshelfer ist die Sonne, aber auch der Klimawandel mischt inzwischen mit. Auf den Streifzügen durch die zerklüftete Bergwelt beobachten wir unzählige Eisberge, die gemächlich wie eine Herde Schafe in Richtung des offenen Meeres ziehen. Und wenn wir nachmittags ins Camp zurückkehren, wirkt es so, als warteten einige Eisberge dort auf uns. Denn dann ist Ebbe, weshalb einige von „Sermersuaqs“ Sprösslingen im Uferschlamm des Fjords „aufsitzen“. Manche von ihnen sehen tatsächlich wie Berge aus – zerklüftet mit scharfen Kanten, mit Zacken und Gipfeln. Andere wirken eher wie moderne Skulpturen, haben runde Konturen. Allen gemeinsam ist die Vergänglichkeit. Mit einer Tasse Tee in der Hand sehen wir zu, wie sie unter den Strahlen der Polarsonne triefend und tropfend dahinschmelzen. Schön und schaurig zugleich. „Friedhof der Eisberge“ tauft eine Teilnehmerin der Expedition deshalb den Strandabschnitt.

Die Tage am Friedhof der Eisberge sind der vorläufige Höhepunkt einer Reise, deren Ausgangs- und Endpunkt Tasiilaq ist. Mit etwas mehr als 2000 Einwohnern gilt der Ort als Hauptstadt der Region, denn insgesamt leben gerade mal 3500 Menschen an Ostküste von Grönland. Wie zufällig hingewürfelt sehen die bunten Holzhäuschen aus. Angepinselt in Blau, Grün, Gelb und Rot klammern sich die Gebäude an die Hänge einer Bucht am König-Oskar-Fjord. Robert Peronis Haus ist nicht nur rot, es heißt auch so. Das „Red House“ des ehemaligen Extrembergsportlers ist Gästehaus, Restaurant und Treffpunkt für Einheimische zugleich. Seit mehr als 20 Jahren lebt der gebürtige Südtiroler in Ostgrönland, in das er sich verliebte, als er 1983 zum ersten Mal herkam. Unermüdlich setzt sich Peroni für die Inuit ein, deren Kultur und Traditionen, so befürchtet er, unter Einfluss der westlich-modernen Welt in absehbarer Zeit verschwinden werden – so wie Grönlands Gletscher wegen der Erderwärmung. Gemeinsam mit Manfred Häupl, einem anerkannten Experten für Nachhaltiges Reisen, entwickelte und etablierte der Visionär Peroni eine neue Art des sanften Tourismus, der die Bedürfnisse der Ureinwohner der Region berücksichtigt. „Um die Inuit und ihr Land zu verstehen, muss man sich Zeit nehmen“, sagt Peroni. „Das sind wir ihnen schuldig.“

Wir bemühen uns und verweilen daher so lange wie möglich im Art-Center. Hier kann man den Inuit beim Schnitzen zusehen. Voller Stolz zeigen sie uns, wie sie aus dem Stoßzähnen von Walrossen oder Narwalen sogenannte Tupilait herstellen. Den teils grotesk aussehenden Figürchen werden magische Kräfte zugesprochen. Auf dem Fußballplatz mit dem knallgrünen Kunstrasen toben Kinder. Vor einigen Häusern flattert bunte Wäsche im Wind. Doch nicht nur Kleider trocknen an der frischen Luft. Bisweilen hängen an den Wäscheleinen auch Robbenfelle oder ein paar Stockfische. Auf einer Wiese in der Nähe vom Hafen haben die Einwohner ein gutes Dutzend Schlittenhunde angekettet. Ihr wolfsähnliches Geheul kann man im ganzen Ort hören.

Wilde Tiere sieht man auf dieser Reise dagegen eher selten. Angelockt vom Duft einer warmen Mahlzeit spechtet einmal ein putziger Polarfuchs neugierig ins Küchenzelt. Die Begegnung mit einem Eisbären bleibt uns dagegen verwehrt. Vielleicht ist es besser so. Denn, falls das Tier uns angegriffen hätte, hätte Sebastian von dem Gewehr Gebrauch machen müssen, das er für solche (Not-)Fälle stets bei sich trägt. Immerhin: Auf der Bootsfahrt zur ehemaligen US-Militärbasis „Bluie East Two“ kreuzt ein Finnwal unseren Weg und präsentiert seine mächtige Fluke. Die USA errichteten das Camp im Jahr 1941 als Luftwaffenstützpunkt, um Grönland vor einer möglichen deutschen Invasion verteidigen zu können. Doch bereits sechs Jahre später gaben sie die Basis wieder auf und ließen nicht nur den Hangar, sondern auch Fahrzeuge, Gerätschaften und tausende Spritfässer zurück, die seit Jahrzehnten vor sich hin rosten.

Nächstes Etappenziel ist der
Knud-Rasmussen-Gletscher, der als
DIE GRÖßTE EISMASCHINE DER WELT
bezeichnet wird.

Etwa eine Stunde dauert die Zeitreise. Dann klettern wir wieder in unser quietsch-oranges Motorboot, das uns zum nächsten Lagerplatz bringt. Mit 150 PS hüpft das Bötchen über die Wellen. Es pflügt durch tintenblaue Meeresarme, die von zerklüfteten Bergen aus teils safrangelbem, teils rostfarbenem, teils dunkelgrauem Fels gesäumt sind. Bäume, Sträucher, gar Wälder sucht man vergebens. Nächstes Etappenziel ist der Knud-Rasmussen-Gletscher. Er ist einer von vier großen Gletschern, die den Wolstenholme Fjord speisen, der als „die größte Eismaschine der Welt“ bezeichnet wird. Gekonnt weicht der Inuit am Steuer des Bootes dem nicht enden wollenden Strom an „Eiswürfeln“ aus, die der Gletscher uns entgegensendet. Je mehr wir uns der Eismaschine nähern, desto stärker spüren wir die schneidende Kälte im Gesicht. Wir errichten das Lager auf einem kleinen Felsplateau mit traumhafter Aussicht auf den Gletscher. Von Zeit zu Zeit ist ein Grollen zu hören, dem Donnern bei einem Gewitter sehr ähnlich, das akustisch anzeigt, dass der Gletscher „kalbt“.

Auf Tageswanderungen erkunden wir in den nächsten Tagen die Umgebung. Wir erklimmen die Seitenmoränen, waten durch eisige Bäche, baden in glasklaren Gebirgsseen, deren Wasser sich im Windschatten der Berge und unter sommerlicher Sonne erwärmt hat. Wir rasten auf Polstern aus Moos, die fluffiger sind als ein Berberteppich, stiefeln durch Altschnee und überqueren Geröllfelder, an deren Rändern zarte, rosafarbene arktische Weidenröschen blühen. „Niviarsiaq”, junges Mädchen, heißt Grönlands Nationalblume in der Sprache der Inuit. Vielleicht lag es ja an ihr, dass Robert Peroni sagt, er habe am Knud-Rasmussen-Gletscher seine Liebe zu Grönland entdeckt.

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Verfasserin des Reiseberichts: Christiane Neubauer

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